Ob ein Kristall gedrungen oder nadelig wächst, entscheidet das Verhältnis von Nachschub zu Wachstumsgeschwindigkeit. Ist reichlich gelöste Kieselsäure vorhanden, wachsen alle Flächen gleichmäßig, und es entsteht die vertraute Sechskantsäule. Wird der Nachschub knapp, setzt sich die energetisch günstigste Richtung durch — beim Quarz die c-Achse. Der Kristall streckt sich, ohne dicker zu werden.
Typisch ist das für alpine Klüfte: enge Spalten, in denen nur wenig Lösung zirkuliert, dazu niedrige Temperaturen und viel Zeit. Die Nadelquarze aus dem Tessin sind dafür das Lehrbuchbeispiel.
Der zweite Fadenquarz: eine verheilte Bruchlinie
Der Fadenquarz im engeren Sinn — im Handel oft als Faden Quartz aus Pakistan angeboten — ist gar nicht dünn. Er ist meist tafelig und trägt in seinem Inneren eine milchig-weiße Linie, die wie ein eingelegter Faden aussieht.
Diese Linie ist eine Narbe. Der Kristall ist während seines Wachstums immer wieder aufgerissen, weil sich das Gestein bewegte, und jedes Mal wieder verheilt. In der Bruchzone blieben winzige Flüssigkeitseinschlüsse zurück, die das Licht streuen — daher das Milchige. Ein Fadenquarz ist damit ein Kristall, dem man ansieht, dass er unter tektonischer Bewegung gewachsen ist.